Im Bewerbungsdossier für den Schweizer Schulpreis 2013 hatten wir als Schule zu folgenden fünf Qualitätsbereichen Stellung zu nehmen:

Leistung
Umgang mit Vielfalt
Unterrichtsqualität
Verantwortung
Schulklima, Schulleben, ausserschulische Partner
Schule als lernende Institution

Nach Studium der Unterlagen wählte die Experten- und Jurykommission aus den eingegangenen Bewerbungen 18 Finalisten aus, die jeweils von vier bis fünf Mitgliedern besucht und beurteilt wurden. Hier der Besuchsbericht der Experten- und Jurymitglieder vom Schweizerischen Schulpreis 2013, aufgrund dessen wir im Dezember 2013 den ersten Schweizer Schulpreis in der Kategorie “Nischenschule” gewannen.

Diejenigen Abschnitte, in denen Kinder und Jugendliche klar erkennbar sind oder in denen Konzeptpunkte vorgestellt werden, die Sie unserer Webseite entnehmen können, sind weggelassen und die betreffende Stelle mit drei Punkte versehen.

 

Leistung

Die Schule hat allerdings einen viel weiteren und vor allem mehrschichtigeren Leistungsbegriff. Sie geht davon aus, das Interesse und Betroffenheit die Grundlage von Lernen und darum auch von Leistung ist. Sie geht davon aus, dass sich die Kinder sehr individuell Lernwege erschliessen wollen und auch können. Dabei ist das Lernen immer vernetzt und die Knotenpunkte des Netzes knüpfen letztlich die Kinder und Jugendlichen selbst (Konstruktivismus).

Zur Illustration ein Beispiel: Im Verlaufe des Abschlussjahrs verfassen die Schüler und Schülerinnen eine grosse Arbeit, die am Ende als Buch gebunden wird. Eine Schülerin – sie schloss die Schule im vergangenen Juli ab – entschied sich, ein Musikvideo zu drehen und das zu dokumentieren. Ihre Arbeit beginnt mit einer Musik- und Harmonielehre, geht über zur Musikgeschichte, die mit der Musiknotation der alten Mönche anfängt und in der Moderne endet. Sie beschreibt ihre Gesangsstunden und wie sie den Song eingeübt hat, gewährt Einblick in ein Tonstudio und in die Entwicklung der Tonaufnahmen. Die Schülerin gibt den Text des gewählten Liedes in Englisch wieder, zeigt den übersetzten Text auf Deutsch und begründet, warum sie gerade dieses Lied gewählt hat. Des Weiteren beschreibt sie die mühsame Suche nach einem bezahlbaren Tonstudio und einem passenden Aufnahmedatum und nicht zuletzt den aufregenden Tag der Aufnahme. Auf der nächsten Seite überrascht sie mit gelungenen Modezeichnungen, die ihre Überlegungen illustrieren, wie sie sich im Videoclip anziehen will. Den dreh selbst beschreibt sie ebenfalls und dokumentiert ihn mit Fotos. Die Arbeit führt in beeindruckender Art und Weise von einer Lernsituation zur anderen und spannt einen unglaublich breiten Fächer von Themen auf, die immer in Verbindung stehen zum gewählten Projekt

Die Schülerin überlegt sich viel zum Tag der Präsentation am Schuljahresende. Sie macht sich Gedanken über ihre Wurzeln, über ihre Eltern und ihre Verwandten, wohin ihr Weg sie nach der Schule führen wird, wer sie in fünf, in zehn in fünfzig Jahren sein wird.

Diese und auch andere vorliegende Abschlussarbeiten bestätigen die Beobachtung des Besuchsteams: Die Kinder und Jugendlichen in der Scuola Vivante sind in einem weiten Sinn interessiert, lernfreudig, leistungs- und zielorientiert. Die Schülerinnen und Schüler dokumentieren ihre Lernfortschritte mittels Texten, Grafiken, Zeichnungen, Fotografien, etc. Auffallend sind die ausgeprägten Stärken auf der metakognitiven Ebene. Sie denken über ihr Lernen nach und könne darüber berichten.

Die Scuola Vivante baut konsequent auf die intrinsische Leistungsbereitschaft der Kinder und Jugendlichen, stützt und begleitet diese sorgfältig und aufmerksam. Ein Mädchen fasst einfach und gleichzeitig sehr eindrücklich zusammen: „Diese Schule ist eine gute Schule, weil hier das Lernen keine Grenzen hat!

 

Umgang mit Vielfalt

Diese bunte Mischung von Begabungen und Schulkarrieren scheinen in den kombinierten Modi Tagesschule, Gesamtschule und Altersdurchmischung sehr gut aufgehoben zu sein. Die Begabungen und Interessen werden berücksichtigt, die Formate im Schulleben sind abwechslungsreich, Ziele werden besprochen und individualisiert, Beziehungen lassen sich über Klassengrenzen hinaus leicht knüpfen. Die Kinder und Jugendlichen sind sich gewohnt, einander zu unterstützen. Das Besuchsteam konnte unzählig kleine Szenen beobachten, in welchen Schülerinnen und Schüler als Tutor wirken.
In der Tat gewinnt man den Eindruck, dass kaum ein Kind in der Scuola Vivante seinen Weg nicht finden kann, auch wenn Kinder aus anderen Kulturen offensichtlich fehlen. Falls nötig kann eine Heilpädagogin beigezogen werden.

Der Lehrer aus England und die Lehrerin aus Frankreich sind im Alltag mal tätig als verantwortliche Sprachlehrperson mit klassischen Inputs für die beiden Sprachen, mal als stets ansprechbare Klassenassistenten, mal als Lehrperson, die für das Kochen und Turnen verantwortlich sind. Die Schule erzielt damit eine verblüffende Natürlichkeit im Umgang mit den beiden Sprachen, die von der Basisstufe an dazu gehören.

Die Schule pflegt eine enge Beziehung zur Partnerschule „École vivante“ im Hohen Atlas in Marokko, die im Anschluss an eine Reise der Scuola Vivante dort gegründet und nach ihrem Vorbild geführt wird (www.ecolevivante.com). Mit solchen Reisen und mit dem nachhaltigen Kontakt zu einem Land aus einem anderen Kulturkreis stellt die Schule eine weitere Form von Vielfalt her. Sie ermöglicht es dem Schüler, der sich künftig um den Garten kümmern will und wird, in der Pause einen wunderbar süssen Pfefferminztee aus eigenem Anbau und marokkanischen Gläsern auf marokkanischen Tablett zu servieren.

Daraus entstand der Begriff „kognitiver Nomadismus“: Gleichzeitig hier und anderswo sein und denken zu können, ist in einer globalen Welt eine wichtige Kompetenz. Die Scuola Vivante hat sich gegründet aus dem Anspruch, der Vielfalt der Kinder und Jugendlichen Raum zu geben und ihr Entfaltungspotential zu unterstützen. Neben einem grundlegenden und authentischen Respekt wählt die Schule mit der Altersdurchmischung, der konsequenten Individualisierung und dem Tagesschulmodell Formate, die diesem Anspruch tatsächlich genügen.

 

Unterrichtsqualität

In der Scuola Vivante nimmt der Raum als „dritter Pädagoge“ eine wichtige Rolle und die Gestaltung der Lernräume ist erwähnenswert. In den Lerngruppen gibt es einen Bereich, wo Schülerinnen und Schüler ihre individuellen Arbeitsplätze selbst gestalten können. Büropulte, Büchergestelle, Harasse, Pflanzen, Trophäen, Pokale, Sammlerstücke, Bilder verwandeln die Arbeitsplätze zu individuellen, manchmal kaum noch zugänglichen Rückzugs- und Lerninseln.

Der Bereich erweckt der vielen Pflanzen wegen den Eindruck eines Gartens. Dieses Reich wird von allen, auch von den Lehrpersonen, respektiert. Ohne Einwilligung der Kinder und Jugendlichen finden Besprechungen dort nicht statt.

In einem zweiten Bereich gibt es einen grossen Tisch mit dazugehörender, fahrbarer Wandtafel, in dem sich alle vierzehn Schülerinnen und Schüler einer Lerngruppe versammeln können. Wer dort arbeitet ist ansprechbar, kann etwas gefragt werden. Weiter gibt es einen Freiraum, belegt mit einem grossen Teppich für Versammlungen, für Spiele, für Tänze etc. In den zahlreichen und gut gefüllten Büchergestellen, die als Raumteiler dienen, finden sich viele Lehrmittel mit entsprechendem Übungs- und Aufgabenmaterial, wie sie in anderen Schulen auch anzutreffen sind sowie eine grosse Anzahl von Sachbüchern – und das in drei Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch.

Eine wichtige Grundlage des Unterrichts ist das Recherchieren. Die Schule setzt bewusst auf Bücher und setzt Computer sehr dosiert ein. Das wurde von den Schülerinnen und Schüler, die am Gespräch dabei waren, als einziger Punkt bemängelt. Die Schule sei bei weitem nicht up to date in Sachen Elektronik, und das sei für einige Cracks unter der Schülerschaft eher mühsam. Smartphones habe man allerdings zu recht aufgrund eines gemeinsamen Beschlusses temporär aus der Unterrichtszeit ausgeschlossen, sollen aber nach und nach als Hilfsmittel zur Recherche wieder erlaubt werden. (Anmerkung der Schule: Computer werden als Arbeitsgerät ebenso selbstverständlich zur Recherche gebraucht wie Bücher. Der Elektronikbereich konnte dank einer grosszügigen Zuwendung in der Zwischenzeit aufgestockt und modernisiert werden.)

Die Unterrichtsformate sind gemischt. In der Einlaufzeit – die Schule steht ab 7.30 Uhr offen – arbeite Schülerinne und Schüler meist an ihren Themen aus den Kulturfächern oder aus den Realien. Es steht ihnen frei, an ihrem persönlichen Arbeitsplatz oder im öffentlichen Bereich zu arbeiten oder sich in der Leseecke in ein Buch zu vertiefen. Dann starten alle gemeinsam in den Tag und später verteilen sie sich in die jeweiligen Lerngruppen. Dort wird die Tagesplanung besprochen. Der nächste gemeinsame Treffpunkt ist die Pause und später das Mittagessen. Dazwischen sind die Schülerinnen und Schüler individuell unterwegs. Eine Schulglocke gibt es nicht.

Beobachtungsbeispiele (Anmerkung Schule: Beobachtungsbeispiele auch vom Donnerstag, unserem „Tag im Freien“)

  • Eine Gruppe der Primarstufe erhält einen Geometrietest zurück – angegeben werden die erreichte Punktzahl pro Aufgabe, mehr nicht. Wo sind die nicht erreichten Punkte verborgen? Mit diesem Auftrag ziehen sich drei Kinder zurück. Ein weiterer Schüler arbeitet an derselben Aufgabe, wird aber von der Lehrperson unterstützt.
  • Nacheinander bereiten drei Gruppen aus der Primarstufe in den beiden Küchen das Mittagessen für beinahe vierzig Personen vor – eine Gruppe führt die Lehrerin aus Frankreich an. Die Basisstufe steuert das Amuse Bouche bei: ein im Teig gebackenes Salbeiblatt, dessen Herstellung im Bauwagen zu einer Vielfalt von Lernerfahrungen geführt hat.
  • Draussen hilft ein didaktisch herausragender Handwerker, Bauplaner, Erlebnispädagoge, Erfinder und Problemlöser den neuen Ofen im Freien zu bauen. Jugendliche aus der Oberstufe helfen und erhalten gleichzeitig viele Informationen zu Schamottestein, zu Mörtel, zum Gebrauch der Wasserwaage etc. Kinder aus den anderen beiden Stufen, die zusehen möchten, dürfen das, es ist Teil ihrer Tagesplanung. Eine Schülerin ist mit der Kamera unterwegs und dokumentiert später den Bau des Ofens. Wegen des Ofenbaus steht der Bauwagen der Basisstufe heute bei der Schule, denn es gibt etwas zu sehen, ein Schüler nutzt diese Möglichkeit lange und intensiv.
  • Die Primarstufe baut ein Insektenhotel. Weil sich die Oberstufe gerade mit Dreiecken beschäftigt, erhält das Hotel die Form eines Sterns, gebildet aus lauter Dreiecken. Diese Gestaltungsidee bringt ein Schüler ein, der sich für Geometriearbeiten der Oberstufe interessiert hat.

Wichtiger Teil des Unterrichts ist das Aufsuchen von Lern und Erfahrungswelten. Die Basisstufe tut das mit dem Bauwagen. Die beiden anderen Stufen sind jeweils am Donnerstag ausserhalb der Schule unterwegs. Der Beizug von externen Experten und Expertinnen gehört ebenfalls zum Repertoire der Scuola Vivante. Wer könnte den Ofen kompetenter bauen und geniesst bei den Jugendlichen, die sich mit der Berufsfindung auseinandersetzen oder auseinandersetzen werden, mehr Glaubwürdigkeit als der Profi. Wer weiss besser über Getreide, Kühe und Traktoren Bescheid als der Landwirt. Und wer spricht besser Englisch oder Französisch als Menschen, die in den entsprechenden Ländern aufgewachsen sind.

Die Struktur der Lernprozesse legen die Schülerinnen und Schüler mit Hilfe von regelmässigen, individuellen Besprechungen mit den Lehrpersonen, mit Lernvereinbarungen, die sie meist selber formulieren, und mit Planungstools fest. Sie schreiben Wochen- und Quartalsrückblicke und führen ein Logbuch. Die Spuren der Arbeit finden sich überall im Haus in Form von Postern, Collagen, Versuchsanordnungen etc. und sind Anreiz für Fragen und Rückfragen. In dieser Art entfaltet sich ein lehr- und lernreiches Schulgeschehen, offen aber nicht strukturlos. Und immer am Ende niedergeschrieben, gezeichnet, dokumentiert, festgehalten. Es wundert nicht, dass im letzten Jahre Bücher wie jene Abschlussarbeit der Oberstufenschülerin entstanden sind.

Das Lerngeschehen in der Scuola Vivante wird stark aus einem Alltag des Zusammenlebens heraus entwickelt. Unterricht muss nicht mit demselben Aufwand inszeniert werden, wie sonst in der Schule üblich. Unterricht findet dann statt, wenn eine Frage wichtig wird. Demnach brauchen Kinder ein Umfeld und Erlebniswelten, die Fragen provozieren. Dieses Umfeld versucht die Schule zu kreieren und hat viel Erfolg damit. Die Schulleitung diskutierte die Frage, ob ein ähnlich strukturierter Unterricht in einer grossen Schule mit fünfhundert Kindern auch möglich wäre. Und daran hegt sie keinen Zweifel. Die Volksschule und die Pädagogischen Hochschulen müssten eigentlich ein starkes Interesse an dieser Frage zeigen. Es ist daher etwas verwunderlich, dass die Scuola Vivante in Marokko und nicht in einem Nachbardorf eine Partnerschule hat.

 

Verantwortung

Ohne Zweifel übernehmen die Kinder in der Scuola Vivante für ihr eigenes Lernen sehr viel Verantwortung. Die Kinder und Jugendlichen, von denen viele ihre Schulzeit in einer öffentlichen Schule starteten, beschreiben den Wechsel in die Scuola Vivante als nicht ganz einfach. Aber nach etwa drei Monaten hätten sie verstanden, dass sie sich in dieser Schule selber einbringen dürften und auch müssten, denn jeder lerne ja für sich selbst und nicht für die Erwachsenen. Nach dieser Entdeckung sei es nie mehr langweilig. Diese Aussagen wurden von den Eltern bestätigt. Die Beschreibungen gleichen sich. Die Kinder sind vom ersten Tag an wie verwandelt in der Scuola Vivante. Das hat aus Sicht der Eltern mit dem grossen Vertrauen zu tun, welches die Schule den Kindern schenkt.

Die Scuola Vivante schliesst mit den Eltern eine Art Kontrakt ab, der besagt, dass sich die Schule verlässlich um die schulischen Angelegenheiten kümmern wird. Gerade Eltern, für die das Thema Schule seit Monaten oder Jahren das tägliche Familienleben dominiert hat, sind für diese Klärung dankbar, denn die Familie wird damit entlastet. Die Kinder und Jugendlichen lernen, für die Gemeinschaft Verantwortung zu übernehmen. Der Tagesschulbetrieb würde nicht funktionieren, wenn nicht in der Küche, im Hausdienst und künftig auch im Garten alle einen Beitrag leisteten.

Eine der Mütter betont besonders, dass die Diskussionskompetenz ihres Sohnes deutlich gestiegen sei. Er könne auf einmal sehr gut zuhören und bleibe beim Argumentieren beneidenswert ruhig. Hintergrund dieser Aussage ist die wöchentliche Austauschplattform in den Lerngruppen. Gemäss eines Indianerrituals und festgelegten Abläufen wird der sogenannte Sprechstab herumgereicht, es spricht, wer den Stab in den Händen hält. Dieses Ritual zwingt dazu, sein Statement zurückzubehalten und zu überdenken, bis der Stab bei einem angelangt ist.
Das Ritual ist für die Kleinen leicht zu verstehen und bewährt sich in jedem Lebensalter. Die Kinder und Jugendlichen bestätigen, dass diese Form ihnen erlaubt, Kritik und Anregungen frei zu äussern. Dies umso mehr, weil die Statements ernsthaft geprüft und berücksichtigt werden. So erhalten die Schülerinnen und Schüler Gelegenheit, die Schule mitzugestalten. Die Reise nach Marokko ist beispielsweise durch den Impuls einer Schülerin in einer solchen Sprechstabrunde entstanden, und auch die Teilnahme am Schweizer Schulpreis wurde dort besprochen und vereinbart. Diese Gesprächs und Mitbestimmungskultur erklärt, wieso die Schülerinnen und Schüler eine erstaunliche Einsicht in die Prozesse der schule zeigen. Dadurch werden wiederum die metakognitiven Kompetenzen gefördert.

Kinder sollen Spuren hinterlassen dürfen in der Scuola Vivante, Zeichen setzen, Beiträge leisten, mitgestalten. Überzeugend dabei ist, dass es der Schule gelingt, mit dem Sprechstab eine Form der Mitsprache zu etablieren, die für alle Beteiligten einsichtig und offenbar hilfreich ist. Den Eltern gegenüber tritt die Schule klar und verbindlich auf. Den Kindern wird in Bezug auf Lernprozesse bemerkenswert grosses Vertrauen geschenkt.

 

Schulklima, Schulleben, ausserschulische Partner

Auffallend ist sicherlich die Gesprächskompetenz der Kinder. Ein Mitglied des Besuchsteams erzählt von einem vielleicht zwölfjährigen Jungen, der mit ihm ein Gespräch auf Augenhöhe geführt habe. Die Kinder und Jugendlichen gehen nicht nur gerne in die Schule, sondern sie wissen darüber auch Bescheid. Sie sind sich gewohnt, ein Gespräch mitzugestalten, stellen selber Fragen, wollen etwas genauer wissen und wirken trotzdem nicht altklug dabei. Viele verfügen über den Vergleich mit einer öffentlichen Schule und niemand würde je wieder wechseln wollen.

Erwachsene und Kinder duzen sich. Das ist einerseits aus der Geschichte der Schule zu erklären, aber auch mit der Überzeugung, dass sie als Lehrpersonen lediglich die eine Seite des Lerngeschehens verkörpern. Das „Du“ hat mit Augenhöhe zu tun und behindert die Führungsrolle der Lehrperson nicht.

Mit Gewaltproblemen hat die Schule selten zu kämpfen. Eltern erzählen sehr offen von einem Fall von Mobbing, bei dem die Schule rasch und sehr entschieden gehandelt habe. Die Schule kennt wenige, aber klare Regeln. Auf Störungen wird konsequent und oft mit einer Wahlalternative eingegangen: „Was willst du, in der Gruppe bleiben und nicht mehr stören oder etwas für dich tun und die Aufgabe hier später erledigen?“

Das Schulleben wird durch den Tagesschulbetrieb wesentlich mitbestimmt. An zwei Tagen kocht eine Köchin, welche durch die Kinder und Jugendlichen unterstützt wird. Am Donnerstag kochen mehrere Gruppen für die ganze Schule. Die Schule ist klein genug, um sich bei entsprechend warmen Temperaturen im Freien an einem langen Tisch zum Essen zu treffen und so die Gemeinschaft sichtbar zu machen. Auch die offene Tür früh am Morgen gibt Gelegenheit zu ungezwungenen Kontakten, Gesprächen Klärungen.

Dabei ist die hohe Präsenz der Lehrpersonen zu erwähnen. Diese halten nicht Schule, sondern teilen ein Stück Leben mit den Kindern. Das wird von den Lehrpersonen als herausragende Stärke betont. Sie hätten das Gefühl, wirklich mit den Kindern auf dem Weg zu sein. Die hohe Berufszufriedenheit erklärt, warum Lehrpersonen trotz des kleinen Gehalts gerne an der Scuola Vivante arbeiten. Die Schulleitung berichtet allerdings von Fällen, wo Lehrpersonen nach kurzer Zeit wieder aufgehört hätten. Lehrpersonen aus den Fachhochschulen seien für lineares Lernen gut ausgebildet, hätten mit offenen Lernsituationen jedoch oft Mühe. Zusätzlich sein das Gehalt solange kein Problem, als keine Familie versorgt werden müsse. Es gibt folglich durchaus Fluktuation bei den Lehrpersonen.

Die ehemalige Fabrik hat einen grossen Keller, dort hat die Schule eine gut ausgerüstete Werkstatt eingerichtet, wo getüftelt, aber auch produziert werden kann, das sogenannte „Brütwerk“. Dieses steht natürlich den Schülerinnen und Schülern zur Verfügung und wird gerne genutzt. Die Besonderheit aber ist, dass diese Werkstatt auch für Kinder ab ca. 9 Jahren aus Buchs und der Region offen steht, am Mittwoch und Samstagnachmittag sowie für Ferienkurse, für einen symbolischen Beitrag nota bene.

Die Handhabung von Maschinen und Werkzeugen wird in einem obligatorischen Einführungskurs vermittelt, danach wird auch hier auf Selbstständigkeit gesetzt. Zur Öffnung der Schule gehört ebenfalls die bereits erwähnte Zusammenarbeit mit Fachkräften. Und las but not least ist die Scuola Vivante eine „Unesco“ assoziierte Schule, ein Netzwerk von 9000 Schulen in 180 Ländern. Diese beziehen sich auf die vier grossen Pfeiler der Erziehung: lernen, Wissen zu erwerben; lernen zu handeln; lernen zusammen zu leben; lernen zu sein.

In der Scuola Vivante trifft der Begriff „Schulleben“ ins Schwarze. Als Tagesschule, in der die Lehrpersonen das Mittagessen und die ausgedehnten Öffnungszeiten selber betreuen, verbringen sie zusammen mit den Kindern einen grossen Teil der Woche als Gemeinschaft. Die Schule erreicht ihre Ziele darum, weil sich ein natürlicher Umgang zwischen den Schülerinnen und Schülern und den Lehrpersonen etabliert hat und weil diese ein Stück Leben mit den Kindern teilen.

 

Schule als lernende Institution

Das Team trifft sich jeweils während eines Tages zu Beginn und am Ende der Ferien, bespricht grundsätzliche Angelegenheiten der Schule, absolviert gemeinsame Weiterbildungen, setzt sich neue Ziele und evaluiert umgesetzte Massnahmen. Jeder Tag startet und endet mit einem kurzen Briefing.

Die Schule versteht sich als Ort des Lernens. Auch hier ein Beispiel zur Illustration: Ein Lehrer berichtet, dass nicht nur die Englisch- und Französischkenntnisse der Kinder wachsen, sondern auch seine eigenen. Durch die natürliche Präsenz der beiden Sprachen sei beispielsweise seine Sicherheit im Französisch im Verlaufe der Jahre deutlich gewachsen. Anders gesagt, er als Lehrer gehöre genauso zu den Lernenden wie die Kinder.

Befürchtet werden könnte, dass die Schule einen unangenehmen Dünkel, einen missionarischen Dogmatismus und eine Inselkultur entwickelt hätte. Diesen Eindruck hat das Besuchsteam nicht mitgenommen. Leitung und Team treten diesbezüglich viel zu bescheiden und offen auf.

Auf die hypothetische Frage, wie es wäre, wenn die Scuola Vivante eine assoziierte Laborschule einer Fachhochschule werden würde, reagieren Schulleitung und Lehrpersonen unabhängig voneinander sehr ähnlich. Eine solche Möglichkeit wird als verlockend, herausfordernd, machbar und – wie könnte es anders sein – vor allem als sehr lehrreich gesehen. Die Beteiligten sind sich offensichtlich gewohnt, den Fokus zuerst einmal auf das Potential einer Idee zu richten. Wäre dem nicht so und hätte man zuerst die notwendige und mühsame Geldsammlerei gesehen, hätte die Reise nach Marokko wohl nie stattgefunden. Heute empfinden alle Beteiligten die Partnerschaft mit der dortigen Schule als grosse Bereicherung.

Die Scuola Vivante ist eine Pionierschule. Die Gründergeneration wirkt nach wie vor massgeblich mit, vergleichbar mit einem Familienbetrieb. Familienunternehmen sind oft zu abhängig von den Pionieren und haben entsprechend Probleme, eine Nachfolgeregelung zu finden. Diese Herausforderung scheint von der Leitung erkannt. Sie ist überzeugt, dass das Modell pädagogisch funktioniert und dereinst von einer neuen Generation mit Engagement weitergeführt werden kann. Die Herausforderung der nächsten Jahre besteht darin, die Schule als gesundes Unternehmen etablieren zu können und eine Übergabe möglich zu machen.

Die Schule hat sich im vierten Jahr nach dem Start neu erfunden und damals die Grundlagen zu einer lebendigen, nachhaltigen, dem Lernen und Leben gewidmeten Schule gelegt. Auf dieser Basis hat sich die Schule stetig weiterentwickelt und ist zu einer kleinen, aber feinen Institution geworden. Die im Alltag gelebte Überzeugung, stets und zuerst das Potential zu sehen, hat der Schule entscheidend geholfen, heil über existentiell schwierige Zeiten hinwegzukommen.

 

Fazit

Die Mitglieder des Besuchsteams teilten sich die Beobachtungen oft in kleinen Geschichten mit. Das war auffallend und bezeichnend dafür, dass das Geschehen in der Scuola Vivante nicht alleine mit Methoden, Strukturen und pädagogischen Grundlagen beschrieben werden kann. Vielleicht rührt das daher, dass das Beobachten, das Fragen, das Hinwenden, das Austauschen ein Kerngeschäft der Schule und der Kinder ist. Der Experte des Schweizerischen Schulpreises, der sich hinsetzt und Notizen macht, ist in diesem Sinne vollständig integriert. Er schaut, er fragt, er hält fest, er lernt, er lässt sich berühren, interessiert sich und tut im Grunde nichts anderes als der Basisstufenschüler, der beim Ofenbau zusieht oder die Oberstufenschülerin, die sich über das Mathebuch beugt.

Das Expertenteam war sich am Ende der beiden Besuchstage einig, eine ausserordentliche, eine eigenständige Schule besucht zu haben. Um die Verbindung zwischen Lernen und Leben auf derart natürliche Weise zu organisieren, um das Vorwissen der Kinder im Lerngeschehen einzubinden und individuell weiterzuentwickeln, um die Verantwortung und Mitbestimmung der Kinder in grosser Selbstverständlichkeit zu etablieren, muss eine Schule sehr viel an Visions- und Überzeugungskraft, an Vertrauen und vor allem an Arbeit investieren. Auch wenn die Beteiligten selber den heutigen Stand als Folge einer gleichsam natürlichen Entwicklung beschreiben, in der auch Glücksfälle mitgeholfen haben, so ist klar, dass die Scuola Vivante eine Art Gesamtkunstwerk von Kindern und Erwachsenen ist, welches Achtung und noch viel mehr Beachtung verdient.

 

Das Besuchsteam dankt der Scuola Vivante herzlich für diesen besonderen Einblick in eine lebendige, offene und hervorragende Institution.
25. – 26. September 2013

 

Schulpreis: Film-Portrait über die Scuola Vivante