„Das rief in mir die Frage auf, wann ist eigentlich ein Krieg vorbei?“ Meinrad Schade

Posted von on Mrz 21, 2015 in Allgemein | keine Kommentare
„Das rief in mir die Frage auf, wann ist eigentlich ein Krieg vorbei?“ Meinrad Schade

„Das ist eigentlich das Schönste, wenn ich sehe, dass es beim Betrachter Fragen auslöst.“ Meinrad Schade

Die Fotostiftung Winterthur zeigt aktuell die Ausstellung „Krieg ohne Krieg“ von Meinrad Schade (detaillierte Angaben und Links am Ende des Blogbeitrags).
Zusammen mit Kunstlehrerin Ingeborg Hilty und Tele Vivante Verantwortlicher Michelle Brun näherten wir uns den Fotografien von Meinrad Schade. Betrachtend, Fragen zulassend, nicht-lesend, Geschichten und Gedanken wahrnehmend, schnellskizzierend.

Warum werden alle Kinder so früh in den Krieg involviert?

Warum hatten so viele Behinderungen?

Warum sind alle Bilder so traurig und düster?

Sind das neue Waffen?

Warum macht der einen Kopfstand?

Wie lernen die Kinder?

Was machen die Kinder, wenn die Eltern tot sind?

Sind die Fotoszenen echt oder sind sie gestellt?

Wie lange ist es her, dass diese Bilder gemacht wurden?

Warum hat diese Person ausgerechnet dieses Bild gewählt?

Warum hat er dieses Thema ausgesucht?

Warum ist der Raum so kalt?

Wieso muss eine Frau in einem staubigen, zerbrochenen Haus ihre Wäsche aufhängen?

Wieso steht ein Soldat mit lampenden Blumen einfach da? Fehlt ihm die Zeit?

Singen sie, weil sie Frieden wollen?

Warum sehen sie beim Singen unglücklich aus?

Warum steht der Soldat so da?

Wie geht es den Betroffenen?

Wie fühlen sie sich?

Was hat die Kunst hinter dem Mädchen zu bedeuten?

Sind die Soldaten auf dem Panzer nicht traurig? Wieso lachen sie?

Wie fühlen sich die Männer / die Soldaten in einem Kriegslager?

Wie fühlen sich die Opfer?

Wissen die Männer im Training, dass das einmal wirklich passieren könnte?

Wie kann man interessiert auf eine Waffe schauen, die vielleicht einmal jemand umbringt?

Wieso zeigen sich obere Positionen von Soldaten so arrogant?

Was sind das für Frauen in Uniform?

Was ist das?

Was soll das?

Warum begeistert man Kinder für den Krieg?

Die Menschen lachen nie.

Alles ist Schutt und Asche. Krieg macht die ganze Kultur kaputt.

Überall Mauern.

Warum sind alle so traurig?

Warum lächelt niemand?

Warum so viele verlassenen Orte (Gebäude)?

Was ist diesen Leuten passiert?

Wie kommt man auf diese Idee?

Wie ging es Ihnen dabei, diese Bilder zu schiessen?

Kann man diese Bilder kaufen?

Wie lange arbeiten Sie schon auf diesem Beruf?

Waren Sie nicht manchmal traurig oder schockiert, als Sie die Bilder geschossen haben (dort war ja Krieg)?

Warum machen Sie das?

Warum haben Sie das alles fotografiert?

Hatten Sie keine Angst in diese Kriegsgebiete zu gehen?

In diesen Ländern passiert so viel Schlimmes, warum sehen die Leute einfach nicht?

Gab es auch Leute, die sagten, nein, ich will nicht fotografiert werden?

Woher haben die Leute die Kraft, jeden Tag wieder aufzustehen?

Warum bauen wir so viele Atombomben? Es schadet uns ja, warum also?

Warum werfen diese Bilder bei mir keine Fragen auf?

Was sind das für komische Typen?

Wieso lichtet er normale Menschen ab? Wieso verstrahlte?

Was nutzt es mich, wenn ich Verstrahlte angucke?

Ist das Kunst?

Wieso Krieg und nicht was Schönes?

Sinn?

Warum ist dieses Museum in Winterthur?

Weshalb weisse Wände?

Weshalb keinen Text lesen?

Weshalb haben fast alle Bilder den selben Rahmen?

Warum sind bestimmte Bilder nicht eingerahmt? Weshalb genau diese Bilder?

Was trieb den Fotograf an, das zu fotografieren?

Wie werden die Reisen finanziert?

Warum sehen alle Leute traurig aus?

Warum geht ein reicher Schweizer in ein Land, kommt mit teurer Kamera etc. und stachelt solche (zum Teil verzweifelte) Menschen an, nach Europa zu kommen?

Wer sind die Leute?

Sind sie noch am Leben?

Wie heissen sie?

Was machen sie?

Wie geht es ihnen?

Was hat das mit Krieg zu tun?

Was ist passiert?

Wann war das?

Können diese Menschen wieder gesund werden?

Wie konnte so was gehen?

Welche Sprachen sprechen sie?

Wo kommt der Müll hin?

Was bedeutet die Mauer?

Was beten sie da?

Wie können es Tiere gut haben und Menschen nicht?

Wer wohnt da?

Ist Krieg ein Spiel?

Wie kann man darüber lachen?

Warum machen Frauen da mit?

Welche Sprachen können diese Kinder?

Gibt es da kein Krankenhaus?

Ist da jemand ein Arzt?

Gibt es auch schöne Momente im Krieg?

Finden Frauen es cool, Waffen zu halten?

Ist es Nebel oder Smog?

Was hat er schon alles getan?

Was heisst Kara?

Wer hat die Statue gebaut?

Wer ist sie?

Wie gross ist sie?

Wie heisst sie?

Wie schwer ist sie?

Haben Sie (oder diese Menschen) nicht Angst?

Warum machen Sie das?

Wie fühlt man sich in diesen Momenten?

Was bewegt den Menschen zum Krieg?

Wie wählte der Künstler die Anordnung der Bilder? Wählte er oder der Kurator/die Kuratorin?

Wie wählt der Künstler die Bilder für die Ausstellung aus?

Wem spielt er vor? Der Mann mit der Geige.

Welche Bilder verlocken mich, den Text zu lesen?

Wofür bekam er diese Orden?

Weshalb verlernt der Mensch, Bilder zu lesen?

Was geht in all diesen Köpfen vor? Und in den Herzen?

Was denken die Leute, wenn sie fotografiert werden?

Was ist Krieg?

Ist Krieg gut oder schlecht?

Wann ist ein Krieg vorbei?

Was ist Frieden?

Wann spricht man von Frieden?

Wie geht es dem Menschen mit der Behinderung?

Wie geht es der Familie mit dem behinderten Kind?

Haben die fotografierten Menschen ihre Kleiderwahl absichtlich getroffen?

Wie ist die Stimmung in dieser Ausstellung?

Können die Kriegsgeschichten und die Schicksale die Stimmung hier im Raum beeinflussen?

Kann man über das Bild die Geschichte, die dahinter liegt, googlen?

Welchen Krieg spielen die Leute nach?

Warum hat er diese Action-Puppe fotografiert?

Sind die Waffen echt?

Sind das verschiedene Geschosse?

Warum spielen sie den Krieg nach?

Warum machen sie ein Fotomuseum?

 

Krieg ohne Krieg – Geschichten und Gedanken zu einzelnen Bildern

DSC09402Eine Frau auf der Strasse, konzentriert auf den Boden, hat wahrscheinlich die Umgebung so satt und es macht sie traurig, dass sie nur noch auf die Strasse schaut. Sie ist sauer, dass ihre Heimat zerstört ist, will nicht mehr die ganze zerbrochene Umgebung sehen, deswegen sieht sie stur auf den Boden. Sie hat den Krieg miterlebt.

DSC09285 Zuerst kam ein russischer Präsident, der gesagt hat, dass man Waffentests bezüglich Atombomben braucht. Daraufhin wurde ein Raum gebaut, der dieses Kontrollpult beinhaltete. Nach zahlreichen Einsätzen wurde dieses Kontrollpult wieder stillgelegt.

DSC09288 Es ist noch nicht lange her, die Armee hat die Häuser unserer Familien zerstört. Wir haben kein Zuhause mehr. Unsere Wohnungen und alles Hab und Gut ist zerbombt. Langsam kehrt der Alltag zurück. Wir sind noch da. Obwohl männlich und jung. Wir hatten Glück. Im Nachbardorf haben sie alle Männer mitgenommen. Verschleppt. Wir wissen nicht, wohin.
Das schmerzt. Macht ohnmächtig. Wir verdrängen die Gedanken.
Wir hatten unsere Hoffnungen und Träume. Wir wollten studieren, ein Geschäft aufbauen, eine Firma übernehmen. Radok wollte Informatik studieren. Nun ist alles zerstört. Wir können nicht mehr in die Universität. Die Autogarage von Sordak ist zerstört. Er wollte gross in den Handel einsteigen. Die Nachfrage war gut.
Trotzdem. Wir geben nicht auf. Heute Abend feiern wir ein fest. Mazurka kommt. Ich mache mich schön. Sie gefällt mir. Radok schneidet mir die Haare. Die Schere haben wir in den Trümmern des Hauses meines Onkels gefunden.

DSC09282 Ich denke, in diesem Bild geht es um eine Feier. Der Anlass wegen der Feier könnte ein beendeter Krieg sein. Auf jeden Fall steuert ein Mann ein Panzer und die Kinder schauen gebannt zu. Ich denke mir bei diesem Bild: „Wo zum Teufel hat er diesen geilen Panzer her!“ und „Warum tragen die Kinder echte oder nicht echte Waffen bei sich?“

DSC09290 Ich glaube, dass es sich um einen Vorstellungslauf handelt. Das Land will seine Waffen zeigen und damit ein wenig bluffen.

DSC09397 Mutter-Heimat-Statue Stalingrad, zur Feier des Sieges der Roten Armee über die Wehrmacht.

DSC09392 Er wollte seiner Geliebten Tulpen schenken, aber sie hatte leider schon einen Mann.

 

DSC09393 Sarahs Mama und Sarah haben sich sehr gut verstanden. Eines Tages musste die Mama einkaufen gehen und wurde entführt. Sarah weiss bis heute nicht, was passiert ist. Nach dem Vorfall lebte Sarah bei ihrer Grossmutter. Sie sind beide sehr traurig und Grossmutter macht sich Sorgen um Sarah.
Das Bild sprang mich an, weil Sarah noch so jung und hübsch ist.
Mir wird kalt, wenn ich das Bild sehe, denn ich sehe da die Trauer.

DSC09398 Dieser Junge wollte sicher ein Haus finden, hat sich aber im Nebel verlaufen.

DSC09407 Freiheitskämpfer, Antiatombomben, Fanatiker, Abenteurer, Kriegshelden

DSC09431  Angst, nichts mehr sehen wollen. Wir sind weg. Angst vor den Bomben. Weg hier. Hier wohnt keiner mehr, und hat auch keiner je gewohnt. Es sieht so trostlos aus.

DSC09433 Protest oder Trauerfeier?
Protest oder Beerdigung eines Mannes

DSC09435 Mauer, Schafe, völlig verirrst (fehl am Platz), Balkon zur Freiheit, eingesperrt. Schafe, die eine Wiese suchen, Freiheit, ein Lebensumfeld suchen, das würdig ist.
Bir Nabala, Westjordanland, 2013
Eine Schafherde vor der Mauer in Bir Nabala. Hier verlief früher eine wichtige Durchgangstrasse. Seit dem Bau der Mauer ist dieser Teil fast ausgestorben.

 

Seit über zehn Jahren arbeitet Meinrad Schade an seinem Langzeitprojekt «Vor, neben und nach dem Krieg». Er bereiste Regionen im heutigen Russland und in Staaten der ehemaligen Sowjetunion wie die russischen Teilrepubliken Tschetschenien und Inguschetien, Kasachstan, Berg-Karabach und die Ukraine, um sich in ausführlichen Reportagen mit ehemaligen, noch schwelenden und vielleicht wieder ausbrechenden Konflikten zu befassen. Anteil nehmend und trotzdem unbestechlich und präzise zeigt Schade die Spuren des Krieges in Städten, Dörfern und der Natur, weist auf seelische und körperliche Schäden betroffener Menschen hin und beobachtet jene, die heil davon gekommen sind und stolz ihre früheren Siege feiern.

„Eigentlich versuche ich Kriegsfotograf zu sein, ohne in den Krieg zu gehen.“

Meinrad Schade entwirft ein beunruhigendes Bild eines labilen existenziellen Zustands zwischen Katastrophe und Normalität, zwischen Krieg und Frieden. Er versucht, Zusammenhänge zu ergründen und menschliche Schicksale dazustellen, die überall ähnlich sind, sei es in Osteuropa oder in Israel und Palästina, wo Meinrad Schade gegenwärtig sein Projekt weiterführt.

Fotostiftung Winterthur

http://www.fotostiftung.ch/

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/ausstellungen/Der-immerwaehrende-Krieg/story/27384435

 

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